Das schöpferische Menschenbild

Das künstlerisch-spirituelle Menschenbild

Und umzuschaffen das Geschaffne,
Damit sich’s nicht zum Starren waffne,
Wirkt ewiges lebend’ges Tun.
Und was nicht war, nun will es werden
Zu reinen Sonnen, farbigen Erden,
In keinem Falle darf es ruhn.

(Goehte, Eins und Alles, 3.Strophe)

Die Verbindung von Mensch und Kultur

Die Idee des schöpferischen Menschen, der an der Errichtung und Mitgestaltung einer würdevollen Kultur mitwirkt bedarf, dass jeder einzelne mit seinen Potentialen auf Ideen zugeht die für ein größeres Gesamtes sinnvoll und förderlich sind und diese Ideen mutig umsetzt. Für dieses Bild des schöpferischen Menschen ist es notwenig, dass der Mensch sich eine klares Bild macht von der Welt, der Situation der Mitmenschen und ein Idee entwickeln, die er selbst umsetzen will. Die Idee der Bildung und des kulturschaffenden Menschen kann man in dem Humanismus in der Renaissance um 1500 und später im 19. Jahrhundert bereits vorfinden, Es führt auf die griechischen Philosophen zurück.

Das Potential des Menschen ganz zu nutzen und die Entwicklung jedes Menschen zu einer starken Persönlichkeit sehe ich als tragfähiges Zukunftsideal. So kann der einzelne Mensch stark und wirksam werden und sich in Zusammenhang mit der Kultur entdecken und weiterentwickeln.

Die Bildung und Entwicklung des Menschen hin zu Moralität war im Humanismus eine wichtiges Ziel. In der Haltung Friedich Schillers, bei Goehte, in der Spiritualität Heinz Grills oder auch in Texten Erich Fromm kommt dieses schöpferische Menschenbild zum Ausdruck.

“Die Spiritualität erstrebt weder eine Weltenflucht noch ein intensiveres Verhaftetsein mit der Welt, sondern will auf allen Ebenen des menschlichen und naturintegrieten Daseins schaffend, bildend, kreativ tätig sein. Der Begriff Kreativität bedeutet jedoch, wie er hier gebraucht wird, nicht nur ein schnelles, künstlerisches Erschaffen eines Bildes oder Kunstwerkes. Der Yogalehrer beispielsweise will mit der asana, der Körperstellung im Yoga, ein Bild für das ästhetische Leben wie auch eine geeignete verständnisvolle Form für das soziale Leben inspirieren, und somit erschafft er mit der asana nicht nur eine Körperform, sondern des Weiteren auch eine seelische Wirklichkeit, die für das kulturelle, soziale und allgemeine Leben präsent wird.” (Begriffe und Bilder zur philosophischen Anthropologie, Heinz Grill, Kosmos und Mensch, S.15.)

Selinunte, Sizilien, Westgriechische Architektur, Tempel E

Die Zentrierung nach innen bei gleichzeitiger Offenheit nach außen – das spirituell philosophische Menschenbild von Heinz Grill

Der Zehenspitzenstand, Padangushtasana

“Das ideale Bild des Menschen ist, wie es in den Versuch der Darstellung gebracht werden soll, sowohl eine Offenbarung des größtmöglichen persönlichen Zentriertseins wie auch des maximalen Offenseins für die Außenwelt und auch für die übergeordneten und erfahrbaren Geistdimensionen.”(Begriffe und Bilder zur philosophischen Anthropologie, Heinz Grill, Kosmos und Mensch, S.13.)


Heinz Grill beschreibt den schöpferischen Menschen als Mensch, der im bestmöglichen Sinne sein Denken schult und Ideale für ein größeres, soziales Gesamtes verwirklicht. Er beschreibt, wie sich aus diesem Prozess der Mensch in seiner Individualität in Zusammenhang mit der Welt und den Mitmenschen bildet. Er entwickelt eine Offenheit nach außen und gleichzeitig eine Zentriertheit nach innen. Die Yogahaltung des Zehenspitzenstandes ist hierfür ein Sinnebild:

“Am deutlichsten lässt sich dieses Bild des Zentriertseins und der Offenheit anhand der Expression einer Übung erleben. Diese hier dargestellte Yogaübung will auf der einen Seite eine bewusste Selbstwahrnehmung des Tätigseins, des Denkens und der Sinne, des Fühlens und des geführten Handelns geben und des Weiteren das konditionierte Bewusstsein aufzeigen, dass der Übende dennoch für seine Außenwelt empfänglich bleibt. Die Übung ist deshalb nicht in sihc selbst wie von der Außenwelt abgeschlossen, sonder sie bleibt mit den Umkreiskräften in einer Art stillen und bewussten Wahrnehmung.”

Die Bedeutung der selbstständigen Auseinandersetzung

Der Mensch muss sich hierfür der Materie, der Welt gegenüberstellen. Es verlangt selbständige Auseinandersetzung mit der Welt, der Materie und ihren Erscheinungen. Das sich Gegenüberstellen bedeutet Mut. Und gerade in dieser mutigen Gegenüberstellung und Auseinandersetzung kann sich der Mensch stärken und entwickeln.

Oft wird Spiritualität verbunden mit einem sofortigen Einswerden- im Sinne von “Alles ist Eins”. Damit entsteht jedoch noch kein wirklicher Betrachterstandpunkt gegenüber der Welt. Die Tätigkeit der Gegenübestellung ist scheinbar das Gegenteil von Einheit. Es ist jedoch so, dass gerade durch die Gegenüberstellung der Mensch das Objekt bewusst erlebt und es auf ihn zurückwirkt. Er erlebt sich dann im Spiegel des Objekts. Indem man als Mensch erst offen für die Welt wird, sich ihr gegenüberstellt, entwickelt man aus dieser bewussten Gegenüberstellung eine neue und bewusste Verbindung aus und prägt somit aus der Beziehung zur äußeren Welt sein inneres Zentrum aus. Der Mensch ist dann zugleich zentriert in sich und bleibt nach außen hin offen.

Diese bewusste, aufmerksame Wahrnehmung, Auseinandersetzung und Gegenüberstellung mit einem Objekt, das kann ein Text sein, ein Zitat, ein Bild, ein Gegenstand, eine Landschaft oder Pflanze, ein Kunstwerk bedarf der Übung. In dem Buch “Übungen für die Seele” sind eine Vielzahl von geistigen Übungen, Seelenübungen, Meditationübungen beschrieben. Sie stärken den Willen, das bewusste, geführte Denken und das empathische Fühlen zur äußeren Welt.

Übungen für die Seele, Heinz Grill, Synergia Verlag


Die individuelle Spiritualität

Heinz Grill beschreibt eine Form der konfessionsfreien “Individuellen Spiritualität” mit geistiger Auseinandersetzung und schöpferischer, gedanklich, empfundener und willentliche Tätigkeit. Er verwendet den Begriff der Spiritualität im geistige und schöpferischen Sinne. Seine Gedanken über Spiritualität sind sehr zeitaktuell und erweitern das philosophische Menschenbild des freien Menschen, der mit Idealen die Welt gestaltet.

“Je mehr der Einzelne mit ganzem Bewusstsein Ideale erstrebt und je mehr er den Gedanken als Wirklichkeit als sogenannte geistige Wirklichkeit erkennt, desto mehr erlebt er sich als diejenige Individualität, die ihm wie das Anfangs bereits gesagt wurde, ein innerstes Zentrum schenkt. er erlebt sich in seine Ich-Selbst. Er erlebt sich nicht nur, wie das so häufg geschieht, in seinem Körper, er erlebt das Ich vielmehr im Gedanken und im Ideal und erlebt damit diejenige geistige Substantialität, mit der er das Leben formen und förderlich gestalten kann.”

(Heinz Grill, Kosmos und Mensch, Begriffe und Bilder zur philosophischen Anthropologie, S.16)

In dem Buch “Übungen für die Seele” beschreibt Heinz Grill den Taj Mahal als Gebäude, das durch seine Bauweise zugleich eine Zentrierung nach innen, wie auch eine Offenheit nach außen besitzt. Er vergleicht dieses Gebäude mit dem Ideal des Entwicklung des Seelen- und Geistlebens des Menschen.

Die Verbindung von Wissen und Tugend – das humanistische Menschenbild von Friedrich Schiller


Das schöpferische Menschenbild schließt an die Idee des Humanismus an, in dem man u.a. das Ziel verfolgte, dass sich Wissen und Tugend im Menschen verbinden und er sich zugleich damit in seinem Charakter moralisch bildet. Schiller schrieb in seinen Briefen über die ästhetische Erziehung eine sehr ähnliche Vorstellung über die Entwicklung des Menschen.


“Je vielseitiger sich die Empfänglichkeit ausbildet, je beweglicher dieselbe ist, und je mehr Fläche sie den Erscheinungen darbietet, desto mehr Welt ergreift der Mensch, desto mehr Anlagen entwickelt er in sich; je mehr Kraft und Tiefe die Persönlichkeit, je mehr Freiheit die Vernunft gewinnt, desto mehr Welt begreift der Mensch, desto mehr Form schafft er außer sich. Seine Kultur wird also darin bestehen, erstlich: dem empfangenden Vermögen die vielfältigsten Berührungen mit der Welt zu verschaffen (…)dem bestimmenden Vermögen die höchste Unabhängigkeit von dem empfangenden zu erwerben und auf Seiten der Vernunft die Aktivität aufs Höchste zu treiben. Wo beide Eigenschaften sich vereinigen, da wird der Mensch mit der höchsten Fülle von Dasein die höchste Selbständigkeit und Freiheit verbinden und, anstatt sich an die Welt zu verlieren, diese vielmehr mit der ganzen Unendlichkeit ihrer Erscheinungen in sich ziehen und der Einheit seiner Vernunft unterwerfen.”


Das Grundbild des Menschen und seiner offenen und gestaltenden Haltung zur Welt kann man aus diesen Auszügen sehr gut entnehmen.


“Die Anlage zu der Gottheit trägt der Mensch unwidersprechlich in seiner Persönlichkeit in sich; der Weg zu der Gottheit, wenn man einen Weg nennen kann, was niemals zum Ziele führt, ist ihm aufgethan in den Sinnen. Seine Persönlichkeit, für sich allein und unabhängig von allem sinnlichen Stoffe betrachtet, ist bloß die Anlage zu einer möglichen, unendlichen Aeußerung; und so lange er nicht anschaut und nicht empfindet, ist er noch weiter nichts als Form und leeres Vermögen. (…)aber nur seine Persönlichkeit ist es, die sein Wirken zu dem seinigen macht. Um also nicht bloß Welt zu sein, muß er der Materie Form ertheilen; um nicht bloß Form zu sein, muß er der Anlage, die er in sich trägt, Wirklichkeit geben. Er verwirklichet die Form, wenn er die Zeit erschafft und dem Beharrlichen die Veränderung, der ewigen Einheit seines Ichs die Mannigfaltigkeit der Welt gegenüberstellt; er formt die Materie, wenn er die Zeit wieder aufhebt, Beharrlichkeit im Wechsel behauptet und die Mannigfaltigkeit der Welt der Einheit seines Ichs unterwürfig macht.“


“Um uns zu teilnehmenden, hilfreichen, thätigen Menschen zu machen, müssen sich Gefühl und Charakter mit einander vereinigen, so wie, um uns Erfahrung zu verschaffen, Offenheit des Sinnes mit Energie des Verstandes zusammentreffen muß.”

(Friedrich Schiller, Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen)


In diesen Vorstellungen von Menschen liegt eine große Perspektive. Ich schreibe das deswegen, weil ich von diesem Begriff schon sehr viel andere Vorstellung kenne und es oft mit einer “Konsum” einem “Nutzen” für die persönliche Energie eine sehr unklare und mystische Konnotation, in der man es als magische “Kraft” denkt, die einem hilft weiterzukommen und die ursprüngliche Bedeutung von Geistigkeit oft nicht genug gedacht wird. Der Menschen könnte sich selbst entwickelt und es würde durch den einzelnen Menschen eine menschengerechtere und würdevollere Zukunft entstehen. Jeder einzelne Mensch als Mitwirker und Gestalter der Zukunft ist dann aufgefordert sich zu entwickeln.


Die zentralistische Struktur der heutigen Politik klammert diese Vorstellung des Menschen vollkommen aus und möchte ein System errichten, dass für “Recht und Ordnung” sorgt. Aber dort fehlt der Mensch. Für eine wirkliche Perspektive braucht es das Ideal und den mutigen Menschen, der er verwirklicht.